GESCHICHTEN

Dienstag, 25. August 2015

Margarete gibt euch die Knete

Margarete betrachtete ihren Schatz: Alles war da, um für ihre Gesundheit zu sorgen. Da konnte nix schiefgehen:
Vitamin B - Folsäure war gut fürs Herz und den Kreislauf.
Vitamin D - brauchte man unbedingt in den dunklen Wintermonaten, baute außerdem die Knochen auf.
Q10, das beste Mittel gegen Erschöpfung und äußerlich angewendet verschaffte es einem strahlende Schönheit.
Zimt, dieses preiswerte Gewürz sollte ein wahres Wunder sein, wenn's um Herzangelegenheiten ging.
Herz war immer gut, Margarete musste lachen - und suchte weiter im Internet, sie hatte ja zu hohen Blutdruck und außerdem zuviel böses Cholesterin, da gab es doch bestimmt was gegen. Natürlich wurde sie fündig:
MSM, ein wahres Wundermittel, soll gegen alles Schlimme sein, kann man äußerlich und innerlich anwenden, es schützt vor Entzündungen, vernichtet Bakterien und freie Radikale (außer politischen).
Äpfel sollen den Blutdruck senken, ferner Nüsse und Mandeln und Rote Beete auch.
Grapefruits lassen das böse Cholesterin schmelzen.
WAHNSINN! So einfache Sachen! Leider gab es noch sooo viele Gesundheitstees, die sie nicht probiert hatte. Und auch die Bachblüten versprachen Potential. Gut, eins nach dem anderen...
Es war natürlich schwierig, den Überblick zu behalten. Auch war es sehr lästig, sich rote Beete reinzuwürgen. Sie mochte den Geschmack nicht. Auch nicht den von dem Lachsöl, das ja sowas von gesund war, Omega Dingsbumms - sie hatte einmal aus Versehen auf eine Kapsel gebissen, und die volle Ladung entlud sich in ihren Mund, das war nicht schön....
Die Nüsse und die Mandeln, och ja, die schmeckten lecker, aber ihre Zähne wollten beim Kauen nicht mitmachen. Parodontitis... Aber sie hielt tapfer durch, weil Nüsse und Mandeln gerade diese bekämpfen sollten.
Und von den vielen Äpfeln bekam sie Sodbrennen. Noch widerlicher war der Grapefruitsaft, so bitter...
Manchmal vergaß sie, wichtige Dinge einzunehmen. Der Tag war zu kurz dafür. Oder sie wurde dement. Aber... welch Wunder, sie hatte es im Internet gefunden: KOKOS-ÖL! Gegen Vergesslichkeit und Demenz ein wahres Wundermittel. Sie bestellte es. Nicht gerade billig, für ein Pfund davon könnte man ein senegalesisches Dorf ein paar Tage lang ernähren, aber die Gesundheit war es ihr wert. Leider wusste sie nicht, wie sie es runterwürgen sollte, das war nämlich kein Öl, das war festes Fett!
Apropos Öl: es gab noch eine andere Empfehlung: Ölspülungen... Die sollten gut gegen Parodontitis sein. Nur eine halbe Stunde lang das Öl zwischen den Zähnen hin und herbewegen, aber um Himmels Willen nicht hinunterschlucken wegen der Bakterien - und nach ein paar Monaten schon konnte man einen Erfolg feststellen. Vom Preis her handelte es sich zwar um von Jungfrauen handgepresstes Öl, aber warum nicht? Ausprobieren!

Sie mochte den Zimt nicht, sogar harmlose Zimtsterne waren ihr zuviel, dazu kam die Säure der Äpfel und der Omega Fischgeschmack. Einfach widerlich! Auch die Mischung aus Rote Beete und Mandelmus war ekelig. Und die Ölspülung? Das war zuviel, sie musste nach zehn Minuten würgen und schluckte somit jede Menge Bakterien hinunter.

Der im Magen gesetzte Deckel aus Kokosfett schmolz dahin, ein Art Lavaausbruch fand statt, zimtgebräunter bitterer MSM, gepaart mit Fischöl, Nüssen und Mandeln in roter Beete quollen unaufhaltsam aus ihr heraus.

Okay, Anfangsschwierigkeiten. Irgendwann wurde sich ihr Organismus an die neue gute Kost gewöhnen. Es gab doch sicher Hilfsmittel dafür. Margarete setzte sich an den Computer und tippte als Suchbegriff ein:
"Natürliches Mittel gegen Kotzen"

Mittwoch, 28. Januar 2015

Willkommen in der Schreiberkuppel!

Alle Gäste haben sich versammelt und werden mit unterschiedlich lautem Applaus begrüßt. Das kommt daher, weil manche VIEL Zeit für ihre Mitschreiberlinge veranschlagen, andere eben WENIGER. Natürlich sind Letztere im Nachteil, denn Werbung ist ALLES.
Der Showliterat schaut in die Runde und begrüßt den ersten Gast, einen älteren Herrn, der sehr distinguiert aussieht. „Willkommen, Egmont“, sagte er. Egmont lächelt, insgesamt macht er einen sehr kompetenten Eindruck, auch wirkt er gelassen und tolerant. Es rührt wohl von seinem Alter her.
„Egmont“, der Showliterat schaut unauffällig auf seinen Zettel, auf dem die Regie alles Wichtige vermerkt hat, „man nennt dich den Altmeister der Aphorismen und der Essays, aber du verfasst auch sinnige und stimmige Gedichte. Schreibst du sonst noch etwas? Vielleicht Kurzgeschichten oder gar Romane?“
Egmont lächelt. „Nein“, sagt er. „Aber, ich kenne mich allgemein mit der Kunst des Gedichteschreibens aus, von Jamben und Sonetten bis hin zum Limerick. Außerdem bin ich in der griechischen Sprache sehr bewandert…“
„Also nicht!“, unterbricht ihn der Showliterat, „außerdem ist das Griechische im Augenblick nicht sehr beliebt.“
Das Publikum fängt an zu lachen.
Der Showliterat wendet sich dem nächsten Gast zu: „Ätzteke, du bist einer der Meistgehassten in einem gewissen Schreibforum. Machst du dich mit Absicht unbeliebt? Deine Formulierungen sind ja äußerst unappetitlich und auch grammatisch nicht ganz sauber…“
„Du kannst mich am Arsch lecken – oder besser noch in deinen gucken lassen!“
„Aha… Kontrovers verhältst du dich also und vor allem immer anders als andere…“
Ätzteke beachtet ihn nicht und glotzt währenddessen die Frau neben sich an. „Meine Fresse, bist du fett. So ekelhaft weiblich!“, sagt er zu ihr. „Du schreibst doch diese Menstruationslyrik. Uääää, widerlich!“
„Und du, du dämlicher Sack bist das vollkommene Arschloch überhaupt“, gibt die Lyrikerin gar nicht lyrisch zurück.
„Hauptsache vollkommen. Danke, blöde Tussi!“
„Nun zu dir, liebe Thusnelda, du hast dir vor allem unter den weiblichen Forumslesern ein Publikum gewonnen mit deinen gefühlvollen Gedichten.“
„Was denn, gefühlvolle Scheiße ist immer noch Scheiße!“ Ätzteke wälzt sich provozierend auf seinem Stuhl herum.
„Ich bring ihn um!“, Thusnelda hat eine handliche Bratpfanne aus ihrer Tasche gezogen und macht Anstalten, sie dem Ätzteke auf die Birne zu hauen. Zum Glück kommt das Wachpersonal noch rechtzeitig, um das zu verhindern. Tusnelda wird aus dem Studio geführt.
Der Showliterat fühlt sich unbehaglich, er schaut wieder auf seinen Zettel und fängt an zu dozieren: „Was ist nun Literatur? Ist es der Drang, Werke zu verfassen – ich will nicht sagen, künstlerische Werke – egal, ob sie nun jemand liest oder nicht?“
Im Publikum lacht jemand, und andere fallen ein.
„Gut, das ist es wohl nicht mehr. Nicht in diesen Zeiten der virtuellen Verbreitung von… Getipptem.“
Das Publikum schweigt.
„Anscheinend gibt es noch vereinzelt die klassische Kurzgeschichte, könnte die vielleicht eine Renaissance erleben?“
Das Publikum schweigt ein wenig lauter, während die versteckten elektronischen Stimmungsforscher all ihre Schwingungen aufnehmen und diese später in kaufbare Daten umwandeln.
„Wollen alle nur noch über Vampire lesen? Oder über geile Frauen, die sich der Lust unterwerfen? Oder über Jungfrauen, die sich Vampiren unterwerfen?“
Das Publikum schweigt, aber auf eine lüsterne Art.
„Oder ist es das Bedürfnis, etwas von sich preiszugeben, etwas, das so schrecklich ist, um das Interesse anderer zu erwecken?“
Gemurmel unter den Zuschauern, keiner will sich richtig äußern, aber man scheint interessiert zu sein. Die Stimmungsforscher schlagen weit aus.
„Sind es schöne Sachen, die man lesen will in dieser unserer Zeit?“
Lauteres Gemurmel. Die Stimmungsforscher verzeichnen einige wenige Höhepunkte.
„Gut, ich habe verstanden, die Zeiten haben sich geändert, mittlerweile gibt es unvorstellbar viele Autoren, die alle etwas zu schreiben haben. Man könnte fast sagen, es gibt viel mehr Autoren als Kritiker, die all diese Autorenwerke unter die Lupe nehmen könnten. Also müssen Autoren sich untereinander bewerten. Kommen wir nun zu der Frage: Kann ein sogenannter Autor auch ein Kritiker sein?“
Einer der Zuschauer kriegt Krämpfe. Was tut er hier? Es ist doch egal, was man schreibt und wie es man schreibt. Oder wen es interessiert. Und auch egal, wer von den Mitbewerbern es verreißt. Weitermachen ist die Devise. Wenn man nur einen einzigen guten Satz zustande kriegt, kann man zufrieden sein.
Auch diese Emotion zeichnen die elektronischen Stimmungsforscher auf. Doch die Auswertung geht im Allgemeinen unter.

Dienstag, 2. Dezember 2014

UND HEUTE KOMMT DER WEIHNACHTSMANN...

Dieser Text kommt sehr unterschiedlich an. Bei der Leselupe, wo ich ihn gerade veröffentlicht habe, wird er vermutlich zerrissen werden. Aber er wird gelesen.
Bei E-stories wird er vermutlich nur ignoriert werden. Dort ist Sentimentales angesagt.
Bei (K)einverlag lief die Story gut, hat sogar Kommentare gekriegt. Is doch watt! ;-)
Also hier meine Weihnachtsstory 2014, sie ist sehr realistisch, aber gemildert durch den Weihnachtsmann... Lach!

UND HEUTE KOMMT DER WEIHNACHTSMANN...


…Bei Doktor Wahnsinn im Labor
kam mir doch manches seltsam vor
auch in seiner großen Werkstatt
sah ich mich an seinem Werk satt…

Diese Verse tönen manchmal laut durch das JEDERMANN. Sie stammen von einem gewissen Lipinski, der manchmal als Platzanweiser im benachbarten Pornokino arbeitet – doch in seinem Herzen ist er Dichter.
Das Jedermann, eine konservative Kneipe, gemütlich, rustikal mit dicken verräucherten Balken an der Decke, Stühlen und Tischen mit gedrechselten Beinen und üppigen Lampen, geplüscht und getroddelt...
Am Tage ist es wunderbar ruhig und leer im Jedermann, der chaotische Wirt mit seiner Roxy Music-Besessenheit wird erst viel später erscheinen – und mit ihm der Großteil der Gäste.
Durch die ungeputzten Fensterscheiben fallen Sonnenstrahlen ein und beleuchten für eine kurze Zeit die Leute, die an der Theke sitzen.
Es sind drei: Nämlich FRODO, LIPINSKI und FRANKIE. BINGO, der vierte Mann ist gerade zum Markt gegangen, Brötchen kaufen.
FRODO, so genannt weil er kaum größer ist als ein Hobbit. Trotz seiner Kleinheit gelingt es ihm immer, die absonderlichsten Frauen aufzugabeln, einmal eine Leichenwäscherin, die ihn um zwei Breiten und drei Köpfe überragte – und deren Mutter ihm nachts an die eigene Wäsche gehen wollte. Und einmal einen Mann, der sich als Frau ausgab. Nun denn, nobody’s perfect…
Neben ihm LIPINKSI, Dichter und Platzanweiser im Pornokino, siehe oben.
Ganz rechts sitzt der drahtige FRANKIE. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille, vermutlich um seine vom Saufen blutunterlaufenen Augen zu verbergen. Frankie, der ewige Student hat in Spanien eine reiche Frau kennengelernt, er wird bald heiraten und auf ihre Hazienda ziehen. Er hat aber ein bisschen Angst, denn seine Zukünftige weiß fast nichts über ihn und seinen versoffenen Lebenswandel.
APO, der Tageskellner steht hinter dem Tresen. Apo ist ein hübscher Kerl, und die Frauen sind schwer hinter ihm her, aber zu deren Verdruss liebt er nur eine, nämlich seine Königin, wie er sie nennt. Sehr zur Erbauung der Kumpels, die lachen sich heimlich einen ab, denn die „Königin“ ist zwar sehr hübsch, aber eine totale Zicke und so schwer festzuhalten wie… ein Floh.
Apo hat allen Kaffee serviert – und dann den kleinen arbeitslosen BINGO aus der Sippe der Roma losgeschickt, um auf dem Markt Brötchen mit Krabbensalat zu kaufen. Als Bingo mit den Krabbenbrötchen eintrudelt, zapft Apo seinen Gästen gerade das erste Bier.
Nach dem Frühstück spielt er Schach mit Frankie. Sie sind beide gleich stark, es gibt immer ein Remis. Das wird den anderen schnell langweilig, und irgendwann kommt die Frage auf: „Soll’n wir nicht lieber einen umdrehen?“
Eine rein rhetorische Frage. Man ist schließlich nicht zum Plaudern hier, sondern zum Schocken. Das ist ein Knobelspiel, bei dem man meistens gewinnt, wenn man viel Geld in der Tasche hat – und meistens verliert, wenn man eh schon pleite ist. Wie bei jedem Glücksspiel.
Die Zeit vergeht wie im Fluge. Man knobelt, trinkt Bier, manchmal erscheint ein lästiger Gast, der Spaghetti bestellt, und Apo muss in die Küche, um die Dinger aufzuwärmen. Er ist recht grimmig deswegen. Aber ein bestimmter Gast bringt ihn immer wieder in gute Laune, nämlich der, der mit sich selber Zwiegespräche führt. Apo liebt diesen Typen, vor allem, wenn er ein neues Bier bestellt. „Für deinen Kumpel auch eins?“, fragt er dann. Der Typ versteht ihn nicht und glotzt ihn nur blöde an.
Alle anderen lachen sich natürlich drüber kaputt, und bald darauf hört man wieder das wunderbare Klacken der Knobelbecher auf der polierten Theke und die Flüche, die nach einem schlechten Wurf ausgestoßen werden.
Lipinski hat Pech und steigt aus dem Spiel aus. Bingo hat von Anfang an nicht mitgeknobelt, er ist sehr arm und kann sich das nicht leisten. Die anderen drei, nämlich Apo, der unbegrenzt Getränkekredit hat als Kellner, sowie Frodo und Frankie spielen lustig weiter, jeder von ihnen verliert ab und zu, und bald stehen so viele Biere auf der Theke, dass sie die Mengen an Flüssigkeit nicht mehr trinken können und auf leichte Liköre umsteigen. Wenn sie auch die nicht mehr runterwürgen können, dann ist da immer noch Bingo, der kleine Mann aus der großen Sippe der Roma – in Wirklichkeit heißt er Grand Romano Mirga – denn der säuft wirklich alles, zusammengekippte Biere und Restpfützen vom Schnabes. Nebenbei knabbert er den Adventsteller leer, der auf der Theke steht. Die Pfeffernüsse lässt er aber liegen.
…Er erfand wusstest du das schon
die Armbanduhr mit Telefon
von der Größe her ein Achtel
der normalen Streichholzschachtel…
Lipinski fühlt sich dem kleinen Bingo schwer überlegen. Vielleicht weil er ein Künstler ist? „Hast du keinen Stolz? Ich würde nie angetrunkene Biere trinken“, sagt er zu ihm. Aber little Bingo weiß sich zu wehren: „Du lebst doch genauso von der Stütze wie ich!“ Daraufhin ist Lipinski still. Und die anderen grinsen sich einen, denn es kommt selten vor, dass Lipinski mal still ist.
„Wo steckt eigentlich der Günner?“, fragt Frodo irgendwann. Mittlerweile hängen alle wunderbar betäubt auf ihren Barhockern rum. Günner ist ein alter Sack um die fünfzig, aber echt’n Toften. Er macht im Augenblick mit ’ner verheirateten Frau rum und hat ziemlich Ärger mit deren Mann.
„Der arbeitet als Weihnachtsmann im Kaufhaus“, sagt Apo.
„Was denn, schon wieder Weihnachten?“ Frodo kichert vor sich hin. „Da muss ich ja für meine Bräute diverse Geschenke kaufen…“
„Tolle Bräute hast du!“, lacht Apo. „Wenn ich nur an diese Riesin denke, diese Leichenwäscherin! Dagegen ist die Köni…“ In diesem Augenblick kommt ein Weihnachtsmann in den Laden. Nein, das kann nicht wahr sein, das ist doch… Er ist unverwechselbar mit seiner schwammigen großen Gestalt!
„Günner! Alter Junge! Was machst DU denn hier?“ Frankie hebt dem Rotbekleideten sein Schnapsglas entgegen.
„Ich hatte ein bisschen Zeit, und da dachte ich mir, ich besuch euch einfach.“
„Finde ich super. Was is, Günner, willst’n Bier? Ich geb einen aus!“
„Nein, jetzt nicht, ich muss gleich wieder weg, aber dange schön!“
„Soso, du bist jetzt also Weihnachtsmann, und wie ist das so?“, grinst Apo.
„Es ist nicht schlecht. Ich muss natürlich unheimlich viel Wünsche erfüllen, aber das macht Spaß…“
„Du bist mir einer, du Schlingel! Apropos Wünsche. Was macht denn deine Süße? Oder besser gesagt, deren Ehemann?“
Der Weihnachtsmann sieht hinter seinem weißen Bart etwas unwirsch aus, und deshalb vertiefen die Kumpels das Thema nicht.
„Sag mal Weihnachtsmann“, das kommt von Lipinski, „du kannst doch bestimmt in die Zukunft sehen, willst du uns nicht erzählen, was uns so passiert? Ich zum Beispiel: Werde ich berühmt?“
Die anderen stoßen sich an: „Jau, wäre gar nicht schlecht.“ – „Bin ich dann schon tot?“ – „Was ist mit der Königin und mir?“ – „Wo ist die richtige Frau für mich?“
Der Weihnachtsmann schweigt und überlegt, das ist typisch Günner! Doch dann sagt er: „Ich bin kein Orakel, ich bin nur ein Weihnachtsmann. Aber wenn ihr unbedingt wollt, kann ich’s ja mal versuchen…“
„Der Günner ist der Tofteste…“, erklingt es im Chor.
Der Weihnachtsmann räuspert sich. „Also gut. Aber hinterher bitte nicht beschweren.“ Er stellt seinen Sack auf den Boden und wendet sich dem Kellner Apo zu. „In ein paar Jahren wirst du eine Frau kennenlernen, die dich wirklich liebt. Sie besitzt eine Fischbude, sie hat schon ältere Kinder, sie sieht nicht besonders gut aus, aber mit ihr wirst du dein Restleben verbringen.“
„Was?“, fragt Apo entsetzt. „Das kann doch nicht sein! Wo ist meine Königin? Ich bin verrückt nach der Frau!“
„Darüber habe ich keine Informationen.“ Der Weihnachtsmann greift in seinen Sack und kramt zwei Schachfiguren heraus. Es handelt sich um Damen: die eine schön und stolz, die andere eher unscheinbar. Er überreicht sie dem Apo, der sie misstrauisch beäugt. „Hast du die im Kaufhaus geklaut?“
Der Weihnachtsmann schüttelt den Kopf, dann lächelt er den kleinen Frodo an: „Und du wirst eine Frau kennenlernen auf einer Busreise nach Tossa de Mar, du wirst dich in sie verlieben und sie heiraten. Die Ehe geht in die Hose, du wirst deine Tochter nie wieder sehen, du wirst anfangen zu saufen – ach was, das tust du jetzt ja auch schon – und deswegen arbeitslos werden. Ist klar, welche Chemiefabrik braucht so einen Vorarbeiter…“
„Glaub ich nicht“, Frodo verschluckt sich fast an seinem Bier. „Ich und mich verlieben? Und ein Blag krieg ich auch? Nächste Woche fahr ich doch schon nach Tossa.“ Nun krümmt er sich fast vor Lachen.
„Es ist, wie es ist“, sagt der Weihnachtsmann, „aber vielleicht kannst du es ja ein wenig zum Besseren wenden.“ Er greift in seinen Sack und holt ein Lebkuchenherz heraus, es scheint zerbrochen zu sein, aber das ist nur aufgemalt. Frodo nimmt es vorsichtig in die Hand und betrachtet es skeptisch.
Der Weihnachtsmann lächelt grimmig – man kann es durch seinen Bart hindurch erkennen – und wendet sich nun Lipinski zu: „Du, mein Freund wirst leider nie den Durchbruch als Dichter schaffen, aber du hast einen heimlichen Verehrer, und der sendet dir dieses Büchlein…“ Er wühlt in seinem Sack herum und fördert ein schmales Heftchen zutage. Lipinski reißt es ihm fast aus der Hand. „Ich bin gedruckt, ich bin gedruckt!“, ruft er freudig aus und bewundert das Titelbild, das ihn höchstpersönlich zeigt, dann öffnet er feierlich das Büchlein und vertieft sich in seine Texte.
„Nun zu dir, Frankieboy. Hör lieber auf zu saufen!“ Frankie schaut ihn verständnislos an. Der Weihnachtsmann stockt kurz, doch dann fährt er fort: „Wenn du es nicht tust, dann wirst du in vierzehn Tagen eine Treppe hinunterstürzen. Besoffen natürlich. Leider wirst du den Sturz nicht überleben.“
Frankie schüttelt den Kopf. „So’n Quatsch! Besoffene überleben alles!“
„Eben nicht! Meine Güte, Frankie, du könntest es so gut haben. Deine Spanierin ist verrückt nach dir, und in drei Wochen soll die Hochzeit sein...“ Der Weihnachtsmann greift in den Sack und holt eine gläserne Schnapsflasche in Form eines Stieres heraus, sie ist mit einer bräunlichen Flüssigkeit gefüllt.
„Hammer! Osborne im Stier!“ Frankie reißt ihm fast die Glasfigur aus der Hand, entfernt hastig den Korken und nimmt einen tiefen Schluck aus dem Stier. Doch dann fängt er an zu würgen und spuckt die Flüssigkeit auf den Boden. „Pfui Teufel, was ist denn das?“
„Tee“, sagt der Weihnachtsmann lakonisch.
„Günner, Günner, was treibst du nur mit mir…“, murmelt Frankie vor sich hin.
Der Weihnachtsmann geht nun zu dem kleinen Bingo, der mittlerweile nicht nur den Adventsteller vom Tresen leer gefuttert, sondern sich einen neuen von den Tischen organisiert hat. Die Pfeffernüsse lässt er natürlich liegen.
„Bingo, mein alter Freund. Hier hast du eine Flasche von deinem Lieblingsschnaps. Dreißig Jahre alter Single Malt Whisky. Genieße ihn, solange du kannst…“
Bingo kriegt riesige Augen, er kann es kaum glauben: eine ganze Flasche ganz für ihn allein! Andächtig berührt er sie und vergisst nach seinem Schicksal zu fragen.
„Wieso kriegt DER Schnabes und ich nur Tee?“, beschwert sich Frankie.
„Ach halt die Klappe“, der Weihnachtsmann schaut ihn streng an, „denk lieber drüber nach, was ich dir gesagt habe! Und nun muss ich wieder… Meine Rentiere warten.“ Mit diesen Worten hievt er sich den Sack über die Schulter und stapft in Richtung Ausgang.
„Nicht schlecht gemacht“, sagt Apo. „Seine Rentiere warten…“
„Der Günner hat’s drauf“, Frodo schaut dem Weihnachtsmann nachdenklich hinterher.
„Ist das schön…“ Lipinski kann seine Augen nicht von seinem Gedichtband abwenden.
„Der spinnt doch“, grummelt Frankie in sich hinein.
„Prost Günner! Du bist der Beste“, Bingo hält seinen Whisky zärtlich im Arm.
In diesem Augenblick sehen sie eine Gestalt durch die Tür kommen: Es ist Günner, und er trägt gar kein Weihnachtsmannkostüm mehr.
„Wie hast du das geschafft, dich in der kurzen Zeit umzuziehen?“, fragt Apo. Günner starrt ihn verständnislos an. „Seid ihr besoffen oder was? Ha, da muss ich ja schwer einen nachlegen. Also was is, drehen wir einen um?“
Der Günner ist eben bescheiden und macht nichts viel Aufhebens um die Geschenke, die er ihnen gegeben hat, und alles andere war sowieso ein Scherz, ein erschreckender Scherz, also besser nicht erwähnen.
Bald darauf hört man wieder das wunderbare Klacken der Knobelbecher auf der polierten Theke und die Flüche, die nach einem schlechten Wurf ausgestoßen werden.
Irgendwann verlangt der mit sich selber sprechende Gast die Rechnung. „Wie wollt ihr denn zahlen? Zusammen?“ Apo amüsiert sich köstlich und freut sich schon auf die Königin, denn die hat ihm heute eine Audienz gewährt.
Auch die anderen verlassen nach und nach das Jedermann, denn bald wird es dort voll werden. Auf der Theke bleibt ein Lebkuchenherz liegen. Es sieht zerbrochen aus, aber das ist nur mit Zuckerfarbe aufgemalt.

Montag, 13. Juni 2011

Remake...

Zur Zeit remake ich meine eigenen Werke, ändere sie und mache sie besser. Vielleicht ;-) Dieses 'Werk' stammt aus dem Jahr 2007, und die Originalfassung ist dort zu finden <------>

PRINCE IRONHEART...

Gestern bin ich ihm wieder über den Weg gelaufen. Mist, warum habe ich nicht aufgepasst!
Der Typ ist ja völlig durchgeknallt, und alle paar Jahre, wenn wir uns begegnen, läuft es nach dem gleichen Schema ab. Natürlich war es auch diesmal so.

Kaum hatte er mich erblickt, da blinkte hinter seinen kugelrunden Brillengläsern ein vages Erkennen auf.
„Viola“, stammelte er vor sich hin, während sein Blick sich auf seine Füße richtete. „Hast du Viola gesehen?“
„Nein“, sagte ich unwirsch. „Ich hab’ sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen!“
Er glotzte mich an und versuchte wohl, den Sinn meiner Worte zu erfassen. Anscheinend schaffte er es, und sein Blick richtete sich wieder enttäuscht auf seine Füße. Prompt hatte er mich abgeschrieben, denn ich wusste nichts von Viola.

Himmel, der Typ ist verrückt, und er war bestimmt schon verrückt, bevor er sich durch alle möglichen Drogen das Gehirn ausbrannte, bis nur noch ein einziger Gedanke darin übrig blieb, nämlich der Gedanke an Viola.
Viola, ich hatte sie vor dreißig Jahren kennen gelernt, sie gehörte zu einer Clique von jungen Gymnasiasten, die kurz vorm Abitur standen. Sie war ein hübsches Ding, sehr süß, sehr eigenwillig, sehr leidenschaftlich. Ihre dunklen Augen standen asiatisch schräg, und ihre braunen Haare trug sie wie Prinz Eisenherz. Ich stutzte, imitierte der Typ etwa ihre Frisur? Wollte er ihr damit näher sein oder sich gar in sie verwandeln? Wäre ihm zuzutrauen...
Aber zurück zu Viola: Sie hatte sich dann verknallt, und zwar in einen gutaussehenden, intelligenten und vor allem arroganten Typen. Aber der ließ sie fallen, und sie rannte ihm vergebens hinterher.

Komisch, das bringt mich jetzt zu meinem eigenen Leben. Ich sehe mich als erfolgreichen Mann, gut situiert, gut aussehend und mit der richtigen Portion Arroganz. Ich kriege alle Frauen, die ich will. Aber dennoch ist da eine Leere in mir, die ich einfach nicht ausfüllen kann. Diese Leere lässt mich an mir selber zweifeln. Was will ich? Warum bin ich nicht so glücklich, wie ich eigentlich sein müsste? Was stimmt nicht mit mir? Nein, das ist Quatsch, mit mir stimmt alles, alles ist bestens. Und dennoch...

Ob ich diesen Irren noch mal wiedersehe? Ich hoffe nicht. Falls aber doch, dann werde ich unauffällig auf die andere Straßenseite gehen, nicht weil er mir leid tut oder weil er mir lästig ist, nein, ich beneide diesen Bastard irgendwie, er hat geliebt, und er liebt immer noch, und auch am Ende wird er nur dieses eine Wort sagen: Viola.

Viola, die Frau, die ich einst verschmähte...

Dienstag, 6. April 2010

PRRASSITA...

Während die abendlichen Schatten sich langsam verfinsterten, schlenderte Gordan durch die dunklen stinkenden Gassen, vorsichtig und immer auf der Hut vor Überfällen.
Am Rande der Wüste gelegen, litt die kleine Stadt akut unter Wassermangel. Und genau deswegen befand sich der staatliche Wasserinspektor hier, ein Aqua-Via war zerborsten, das lebensspendende Wasser versickerte nutzlos im Wüstensand, während die Strolche in dieser Stadt dürsteten. Nein, sie dürsteten nicht wirklich, es gab Wasser, das mühsam mit Ochsenkarren vom weit entfernten Fluss herbeigeschafft wurde. Aber es war teuer, und sobald eine Ladung eintraf, konnten nur die angeforderten Soldaten die ausgedörrte Bevölkerung davon abhalten, die Wasserwagen zu stürmen und zu plündern.
Obwohl Gordan der Chef war, schuftete er selber hart unter der glühenden Sonne, die ihm fast das Gehirn ausbrannte und ihn mit seltsamen Visionen erfüllte. In seinen Hitzeträumen sah er immer wieder die gleiche Gestalt, sie lief vor ihm weg, und er verfolgte sie, begierig darauf zu wissen, wer oder was es war. Doch nie kam er ihr nahe genug, um sie wirklich erkennen zu können.
Verdammte Wüstensonne, sie hatte wahrscheinlich auch seinen lokalen Helfern das Hirn ausgebrannt, denn diese Irren glaubten tatsächlich an unheimliche Wesen, welche in der Wüste lebten und die Stadtbewohner versklaven wollten. Absurd!

Während er durch die düsteren stinkenden Gassen spazierte, brodelte es in ihm. Er hasste diesen Ort. Er war grauenhaft, unzivilisiert und schmutzig. Gefangene Raubtiere wurden hinter Gitterstäben präsentiert, und die Zuschauer durften – gegen eine kleine Gebühr natürlich – die armen Geschöpfe mit spitzen Speeren quälen. Auch Prostituierte wurden in Käfigen präsentiert, nur waren diese Käfige rot beleuchtet. Auch diese Geschöpfe, so dachte Gordan verächtlich, durfte man für ein paar Fäkas quälen, egal ob mit spitzen oder mit stumpfen Speeren...

Ein Sprechgesang lockte ihn aus den dunklen Gassen heraus, und er ging den Weg zum verlassenen Tempel empor. Das hässliche Gebäude leuchtete in der beginnenden Nacht wie ein ausgebleichtes Skelett, und mehr stellte es auch nicht dar. Die Gottheit des Tempels war anscheinend tot, doch Scharen von neuen Propheten belagerten den Weg. Einer nach dem anderen hatte sich dort eingerichtet, um für seinen Gott Werbung zu betreiben, und je höher man kam, desto zahlreicher wurden die Gläubigen – und umso reicher sahen die Diener der Propheten aus.

Welch abergläubische, schmutzige kleine Stadt!
Gordan schüttelte angewidert und gleichzeitig hoffnungsvoll den Kopf. In spätestens zwei Tagen würde die Wasserleitung vollbracht sein, dann konnte er endlich diesen Ort verlassen, sich in seine luxuriöse Wohnung zurückziehen und sich wieder seinen Studien widmen – und vor allem wäre er dann frei von dieser Stadt.

Aus seinen Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr, eine sanfte Bewegung, ungewöhnlich an diesem Ort der hektischen Betriebsamkeit. Und seltsamerweise fühlte er sich erinnert an die Gestalt, die vor ihm weglief, tagsüber, wenn das Sonnenfieber von ihm Besitz ergriffen hatte und ihm Visionen verpasste. Doch wenn es wirklich die Gestalt aus der Wüste war, dann würde er sie diesmal nicht entkommen lassen, er wollte sehen, was da vor ihm weglief.
Also eilte er ihr nach, es fiel ihm nicht schwer, sie einzuholen.

Und dann sah er sie endlich. Es war eine Frau, gekleidet in ein fließendes tiefblaues Gewand. Es umschmeichelte ihren Körper, passte sich ihm vollendet an, und es schien die Farbe zu wechseln. Mal schimmerte es silbern im Mondlicht, mal reflektierte es schemenhaft die smaragdfarbenen Sterne auf dem dunklen Samt der Nacht.
Eine perfekte Tarnfarbe. Aber nicht das Gewand faszinierte ihn, sondern die Frau, die es trug. Im Mondlicht konnte er ihr Gesicht erkennen, es war vollkommen ausdruckslos, weder Freude noch Trauer lagen darin, doch gerade diese Ausdruckslosigkeit zog ihn magisch an. Die Leere ihres Gesichtes erschien ihm wie ein unbeschriebenes Blatt, welches man mit Leben erfüllen konnte. Vielleicht mit Buchstaben, auf denen geschrieben stand, was sie fühlte...

Er beugte sich vor, um in der Leere ihres Gesichtes zu versinken, doch in diesem Moment zischte etwas haarscharf an seinem Kopf vorbei, und zu seiner Bestürzung sah er, dass die Frau von einem Stein getroffen war. Von ihrer Schläfe rann ein dünner Blutfaden herab, aber es schien sie nicht zu kümmern. Ganz im Gegenteil, sie lächelte.

Doch Gordan kümmerte es, er wollte wissen, wer das getan hatte, und er drehte sich abrupt um.
Ein paar zerlumpte Strolche stürmten gerade mit Steinen in den Händen den Hügel empor, unter wüstem Gegröle und mit unbeholfenen Bewegungen versuchten sie die Steine auf die Frau zu werfen, aber natürlich ging alles daneben. Was für ein Pack! Gordan fühlte Wut in sich hochkommen.

Seine selbstsichere Erscheinung baute sich zu voller Größe auf, und tatsächlich hielten sie in ihrem Lauf inne, zögerten, blieben schließlich unschlüssig stehen und tuschelten miteinander.„Haut ab!“, die Härte seiner Stimme machte großen Eindruck auf sie, vielleicht erkannten sie aber auch nur, dass er der staatliche Wasserinspektor war. Wie auch immer, sie traten zögernd und murrend den Rückzug an.

Nur ein gebrechlicher alter Mann kam humpelnd näher. „Prrassita!!!“ Das Wort stolperte aus seiner dunklen Mundhöhle hervor, nur gebremst durch einen schwarzen Zahnstumpf, der ihm aus dem Unterkiefer ragte. Ein widerwärtiger alter Mann, ein hämisches Grinsen lag auf seinem zerstörten Gesicht wie eine ekelhafte Maske, in der Augen wie schwarze Löcher gähnten...

Gordan strafte ihn mit Nichtachtung. Wer war er, dass so ein Pack ihn belästigte? Eine drohende Handbewegung scheuchte den alten Mann schließlich davon.

Er wandte sich der Frau zu. Sie stand neben ihm, teilnahmslos und immer noch lächelnd. „Was wollen die von dir?“
Sie lächelte immer noch, und Gordan blickte sie gierig an, um dieses Lächeln in sich aufzunehmen.
„Hier gibt es nur Irre“. sagte er schließlich und ergriff ihre Hand, die sich angenehm kühl anfühlte.
Hand in Hand gingen sie nebeneinander her, ab und zu warf er ihr einen Blick zu. Ihr Mantel entwickelte ein Eigenleben, wie es schien, er wogte hin und her und schmiegte sich um den Körper der Frau wie ein zärtlicher Liebhaber.
„Kannst du nicht sprechen?“ fragte er sie und blieb stehen.
Ihr ausdrucksloser Blick bohrte sich in den seinen, sie bewegte die Lippen, aber heraus kam nur ein Stöhnen.
„Das macht nichts. Wo wohnst du?“ Seine Stimme klang besitzergreifend.
Sie starrte ihn stumm an und schüttelte dann den Kopf. Immerhin verstand sie ihn, sie war nicht geistig behindert, war vielleicht nur stumm, gar nicht schlecht, eine stumme Frau...
„Kommst du mit mir?“
Sie wandte ihren ausdruckslosen Blick von ihm ab und schaute hinaus in die nächtliche Wüste. Ihr Mantel schmiegte sich noch enger um sie, schien sie fast zu erdrosseln, doch dann drehte sie sich wieder Gordan zu. Zögernd nickte sie.
„Ha...“ erklang es aus ihrem Mund, es sollte wohl der Versuch eines Ja sein. Sie war nicht wirklich stumm, aber er würde ihr das Sprechen beibringen, er würde ihr alles beibringen, alles was ihm gefiel...

Er hielt ihre kühle Hand immer noch, als sie in seinem Hotel ankamen, den Göttern sei Dank war der Portier gerade nicht anwesend und konnte auch nicht seine schmierigen Blicke auf die Frau legen.

Besitzergreifend betrachtete er sie, sie lag vor ihm auf dem Bett, sie trug immer noch den geschmeidigen Mantel, der sich an ihre verlockenden Glieder schmiegte wie ein Liebhaber.

Gordan war dieser Gedanke zuwider, er alleine sollte sie besitzen, alles von ihr besitzen, sie beschützen, sie erziehen, sie lieben... Lieben? Ein absurder Gedanke, aber er drängte sich ihm auf, und warum auch nicht?
„Warum ziehst du den Mantel nicht aus?“ Er hörte seine Stimme, sie klang erregt und fordernd. Die Frau schaute ihn mit ihren rätselhaften ausdruckslosen Augen an, dann schüttelte sie zögerlich den Kopf und blickte an sich herab, als ob sie Angst vor ihrer Bekleidung hätte.
Was war los mit dem Mantel? Nun gut, er würde ihn ihr einfach vom Leibe reißen.

Und genau das tat er auch, aber der Mantel haftete an ihr, als wolle er sich nicht von ihrem Körper lösen, Gordan wurde ungeduldig. er zerrte heftig an ihm, denn darunter ahnte er verschwommen ihre Haut und er war begierig darauf, sie in all ihrer betörenden Nacktheit zu sehen und zu nehmen.

Ein scharfes Kreischen erklang, der Mantel löste sich mit einem schmatzenden Geräusch von der Frau – und sprang Gordan mitten ins Gesicht. Gordan fühlte scharfe Krallen, die sich in seine Haut bohrten und seine Augen knapp verfehlten. Entsetzt sprang er zurück, aber er wurde den Mantel nicht los, er hatte sich in ihm verbissen, womit verbissen? Gordan reagierte automatisch, zum Nachdenken war keine Zeit, er packte das Wesen, riss es von sich ab, er spürte den Schmerz nicht, als ihm das Ding Fleischfetzen aus der Brust und aus den Armen riss, instinktiv vermied er es, die Innenseite des ‚Mantels’ zu berühren, dort wo sich scharfe Zähne und stählerne Krallen befanden, er packte es hart am äußeren ‚Fell’, das mittlerweile so grell glänzte wie die Deckenlampe im Zimmer.

Es schrie qualvoll auf, als Gordan es gegen die Wand schmetterte, immer und immer wieder, bis es schließlich verstummte und wie ein Haufen Lumpen am Boden lag. Seine vorher so glänzende Farbe hatte sich aufgelöst, es sah einfach nur grau und stumpf aus. Und anscheinend war es tot.

Gordan keuchte immer noch, als er sich wieder der Frau zuwandte.
Er sah etwas wie Dankbarkeit in ihren Augen. Es musste Dankbarkeit sein, wenn nicht gar Liebe. Sie stand da, so hilflos und schutzbedürftig, und sie war so wunderschön.
Gordan trat auf sie zu und berührte sie an ihren Brüsten. Es erregte ihn dermaßen, dass er die Tätowierung auf ihrer Schulter übersah. Parasita stand dort in verblichener grüner Farbe, ein Buchstabe fehlte. Aber auch wenn er es gesehen hätte, es hätte keinerlei Einfluss auf ihn gehabt. Denn er würde sie mitnehmen, in die Stadt, in sein Leben, denn er brauchte sie, er brauchte sie wie einen Spiegel seiner Gefühle und Wünsche.

Manchmal sind die Geschichten wahr, manchmal leben in der Wüste nichtmenschliche Kreaturen, aber sie sind sehr anpassungsfähig – fast so wie Menschen – und sie versuchen, einen Wirt zu finden, der sie ernährt und beschützt. Wenn allerdings ein besserer Wirt erscheint, dann wechseln sie ohne Skrupel zu ihm.

Freitag, 18. Dezember 2009

Nehmen Sie doch Platz...

„Nehmen Sie doch Platz, Herr Tigger!“

Herr Tigger legt sich zögernd auf die braune Ledercouch und wirft dem Psychologen einen misstrauischen Blick zu.

„Ich hörte, dass Sie ziemliche Probleme haben“, fährt dieser fort.

Herr Tigger schaut mit starrem Gesichtsausdruck aus dem Fenster und ignoriert den Psychologen einfach.

„Gut, fangen wir mit den einfacheren Sachen an. Sie haben anscheinend ein Defizit an Liebe in der Kindheit erfahren, und deswegen suchen Sie unbedingt Anerkennung und vor allem Wertschätzung. Sie mischen sich in jedes Gespräch ein und geben ihren Senf dazu, sie wollen alles haben, was ihre Mitbewohner haben. Dazu gehören auch Insulinspritzen... Tatsächlich fühlen Sie sich immer benachteiligt und reagieren manchmal sehr seltsam darauf.“

Herr Tigger lümmelt sich lustlos auf der Couch herum.

„Manchmal, wenn etwas Ihren Unwillen erweckt hat, dann gehen Sie wie der gestiefelte Kater daher, Sie fuchteln mit den Armen herum und geben Laute von sich wie ein gewisser Godzilla. Oder soll ich Katzilla sagen?“

Herr Tiggers hübsche Mundwinkel senken sich missbilligend herab.

„Gut, ich verstehe. Also versuche ich selber, Ihr Problem zu interpretieren, denn Sie haben ein Problem, ein großes Problem...“

Herr Tigger sagt immer noch nichts, sondern betrachtet nun nervös sein linkes Bein.

„Man hat mir erzählt, dass Sie anscheinend Beine hassen, sogar ihre eigenen - und dass Sie öfter versuchen, Beine von anderen Leuten zu attackieren, einfach so und ohne Grund.“

Herr Tigger betrachtet immer noch sein Bein, welches auf einmal verdächtig zuckt.

„Die Leute sind ziemlich irritiert deswegen“, der Psychologe räuspert sich. „Denn man weiß nicht, womit man Ihr Missfallen erregt hat...“

Herr Tigger hört ihm anscheinend gar nicht zu, er ist nur auf sein Bein fixiert, welches auf einmal ein furchtbares Eigenleben entwickelt und Herrn Tigger plötzlich mitten ins Gesicht stößt und kratzt. Herr Tigger gibt einen erstickten Laut von sich und stürzt sich auf sein Bein. Ein grimmiger Kampf entbrennt, Herr Tigger und sein Bein wälzen sich zu einem Knäuel verkeilt auf der Couch des Psychologen herum, und Herr Tigger beißt knurrend immer und immer wieder in das vermaledeite böse Bein!

Der Psychologe schaut fassungslos zu, seine Fassungslosigkeit schlägt in Entsetzen um, als Herr Tigger von der Couch herunterspringt und dicke Blutstropfen auf dem wunderschönen beigen Teppichboden verstreut.

„Mein schöner Teppich! Verschwinden Sie bloß aus meiner Praxis, Sie... Sie blutendes Untier!“

Mit drohenden Schlitzaugen blickt Herr Tigger zu ihm empor, und der Psychologe kann sein rechtes Bein nur durch einen gewagten Sprung auf den Tisch in Sicherheit bringen.


PS: Die... ähem Besitzerin dieses Tieres sagt folgendes: Tja, wenn einer dieser genialen Katzenpsychologen hahaha.... diese Krankheit erklären - oder gar heilen könnte, tja, dann wäre ich ihm sehr verbunden...

Sonntag, 15. November 2009

KISS the future...

Der einzige Körperteil, den man nicht liften kann, ist die Hand. Bis vor kurzem war das eine Tatsache, und ich hab' mich echt darüber kaputtgelacht, bis ich dann las, dass es doch geht. Es hat irgendwie mit Eigenfett-Transfer zu tun, und die Hände sehen danach 10-15 Jahre jünger aus.

Witzbolde! Eigenfett hätte ich zwar reichlich, aber warum sollte ich mir sowas antun? Das einzige, was ich tun konnte, war diese Story zu schreiben:

KISS the future...


Der Augenblick der Wahrheit kam, als Eve sich ausnahmsweise mit aufgesetzter Brille im Badezimmerspiegel betrachtete. Ihre Gesichtszüge sahen auf einmal erschreckend scharf aus, ihre Mundwinkel schienen ihre Wangen hinunterzuziehen – und erst die Augenlider... Konnte es tatsächlich sein, dass sie so hingen? Fassungslos blickte sie in den Spiegel.
Sie knöpfte ihre Bluse auf und streifte sie langsam ab. Aufmerksam nahm sie jedes Detail ihres Körpers wahr: Der Busen hing nicht besonders und neigte zur Üppigkeit wie in früheren Zeiten. Aber die Fältchen, die sich auf ihrem Hals bildeten, als sie sich nach vorne beugte, um im Spiegel auch das letzte hässliche Detail von sich zu sehen, die waren neu. Und auch ihre Arme wirkten irgendwie wabbelig.
Oh Gott, es war vorbei! Und dabei hatte sie gedacht, sie würde nie wirklich alt aussehen. Doch es war passiert, heimlich, schleichend, unaufhaltsam.

Eve machte einen Spaziergang. Die herrliche Frühlingsluft hatte sie nach draußen gelockt.
Aber auch das tat nicht gut. Überall erblickte sie nur schöne Frauen. Alle waren jung, alle waren blond in verschiedenen Nuancen, alle hatten die gleiche hohe und straffe Figur mit einem keck hervorstechenden Busen. War das die Entwicklung, zu der automatisch alles hinführte? Sie sahen so schön aus, die Männer dunkelhaariger als die Frauen und vielfacher in ihren Erscheinungsformen, manche muskulös wie Bodybuilder und manche eher sehnig drahtig. Aber schön waren sie alle.
Eve fühlte sich inmitten all dieser Pracht wie menschlicher Restmüll, den man vergessen hatte zu entsorgen, und sie dachte verzweifelt daran, was sie früher von sich gegeben hatte. 'Wenn ich mal alt werde, dann will ich das in Würde tun.'
Ha, sie lachte bitter auf. Als Fünfzigjährige kann man das Maul noch gut aufreißen, aber mit sechzig sah das alles ganz anders aus...

Zu Hause stellte sie sich wieder vor den Spiegel und musterte sich verzweifelt.
Die hängenden Lider ließen ihre Augen alt und müde wirken, und die neue Form ihrer Wangen machte das Gesicht fast quadratisch - und dabei sollte es doch diese bezaubernde Rundung haben... Auch ihr Körper hatte sich verändert. Die einstigen Vorzüge waren verschwunden, während die immer schon vorhandenen Mängel immer schlimmer wurden und sich geradezu widerlich in den Vordergrund drängten.
Oh Gott! Niemand würde sie mehr begehrlich anschauen, denn sie war jetzt unsichtbar, geschlagen mit der durchsichtigen Blässe des Alters. Nein, nein, und noch mal nein!
Sie zog ihre Wangenpartie mit beiden Händen ein wenig nach hinten, und schon sah sie aus, als wäre sie dreißig Jahre jünger. Nur durch das bisschen Hautspannen. So einfach war das!

Eve lag die ganze Nacht wach und grübelte. Sie dachte an die jungen Frauen in ihrem Büro. Für sie waren Schönheitsoperationen das Normalste auf der Welt, und jede von ihnen ließ sich ab und zu optimieren.
Die Schönheitschirurgie hatte in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Was mit Fettabsaugen und manchmal dilettantischer Schnibbelei begann, entpuppte sich als ein mächtiges Instrument. Jeder konnte sich das ideale Aussehen verschaffen, alle Operationen verliefen nahezu problemlos, und Hormonbehandlungen ließen gewünschte Gliedmaßen gezielt wachsen. Das beinhaltete zwar ein gewisses Risiko, aber so war das Leben eben...

Sie wollen eine andere Nase? Machen wir!
Sie wollen einen anderen Mund? Machen wir!
Sie wollen eine athletische Figur? Längere Beine? Größeren Busen? Kleinere Füße? Mehr Taille? Machen wir!
Wir optimieren SIE! Es kostet Sie nur wenig, aber Sie werden schön und jung sein, und das ist Ihnen die Sache doch wohl wert!


Ja, es ist mir die Sache wert! Eve war immer schon spontan gewesen, und wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen hatte, dann zog sie es durch. Nur ging es diesmal nicht um eine Kurzhaarfrisur, sondern um ihren ganzen Körper.
Noch besser, wenn schon dann richtig! Das Geld? Sie hatte einiges gespart, eigentlich sollte es für ihr Alter sein. Aber wen juckte das Alter, das Alter war hässlich und grauenhaft. Sie aber wollte schön und jung sein!
~~~~~~~~~~~~~~~~
Drei Wochen später und nach einem unbezahlten Sonderurlaub verließ Eve die Klinik, die sinnigerweise ‚KISS the future’ hieß.
Sie fühlte sich fantastisch. Sie sah genau so gut aus wie die anderen Frauen, die gelassen auf der Straße daher schlenderten. Wenn nicht gar besser... ‚KISS the future’ hatte gute Arbeit geleistet.
Im Büro begrüßte man sie enthusiastisch. Denn sie gehörte jetzt dazu, sie war genauso schön und jung wie die anderen – bis auf ein paar alte Schrullen, die wohl nicht genug Geld hatten, um sich optimieren zu lassen.
Eves Höhenflug hielt an. Sie musste zwar vorsichtig beim Laufen sein, weil ihre länger gewordenen Beine eventuell leichter brechen konnten, aber es war die Sache wert. Männerblicke streiften sie bewundernd und bissen sich dann an ihr fest. Sie war so jung und so anziehend wie nie zuvor!

Wieder machte sie einen Spaziergang. Überall sah sie nur schöne Frauen. Alle waren jung, alle waren blond in verschiedenen Nuancen, alle hatten die gleiche hohe und straffe Figur mit einem keck hervorstechenden Busen. Alle sahen genauso aus wie sie selber.
Aber dann stutzte sie. Denn inmitten der schönen, blonden und keckbusigen Frauen erblickte sie eine, die müde Hängelider hatte und deren Wangenpartie quadratisch war und sie alt machte. Trotzdem besaß diese Person die Frechheit, arrogant und anmaßend zu lächeln. Unglaublich! Eve schnaubte verächtlich in sich hinein und ging weiter, zufrieden mit ihrem Gesicht und mit ihrem Körper.
Aber ein paar Tage später sah sie schon wieder so eine. Das konnte nicht sein! Was ging da vor sich? Und es wurden immer mehr. Immer mehr alt aussehende, untersetzte Frauen mit Hängelidern und eckiger Wangenkontur liefen herum, und die fanden sich auch noch schön! Was passierte da?
Eve redete sich krampfhaft ein: Ich bin jung, ich bin schön! Aber es fühlte sich nicht mehr richtig an. Der Trend hatte sich anscheinend gewendet. Alt und individuell faltig war jetzt in – und es würde ziemlich lange dauern, bis ihr optimierter Körper das interessante Aussehen des Alters erreicht hätte.

KISS the future? Sie hatte nur noch eine Hoffnung: Vielleicht würde sie irgendwann wieder in Mode sein...

Montag, 5. Oktober 2009

DAS 13. STERNZEICHEN

(neu bearbeitet, ich muss mal wieder ein bisschen Reklame für mich machen...)
Die große Kreuzspinne hing lässig in der Mitte ihres perfekten Netzes. Das Netz schaukelte im Abendwind, der braungesprenkelte Körper der Spinne war unförmig aufgetrieben und sah aus, als würde er bald platzen, aber das beeinträchtigte die Eleganz der Spinne nicht im mindesten.
Sie war schön... Und Daphne verspürte keinerlei Angst vor ihr. Warum auch? Fasziniert beobachtete sie, wie eine kleinere Spinne am äußeren Rand des Netzes auftauchte und sich vorsichtig der Mitte näherte. Ein Männchen vielleicht? Doch die große Spinne, die übrigens ARACHNE hieß, wie Daphne traumwandlerisch wusste, schien nicht in Stimmung zu sein. Sie stürzte sich auf den kleineren Artgenossen, biss ihn mit ihren Kieferzangen, umwickelte ihn mit Fäden – und wob ihn schließlich in den Rand ihres Netzes ein. Daphne lächelte in ihrem Traum. Es schien ihr nicht grausam zu sein, sondern notwendig und... praktisch.

EIN NEUES STERNZEICHEN IST ZWISCHEN SKORPION UND SCHÜTZE ENSTSTANDEN, ES TRÄGT DEN NAMEN OPHIUCHUS UND ERHÖHT DIE STERNZEICHEN VON DER GÖTTLICHEN ZWÖLF AUF DIE UNCHRISTLICHE DREIZEHN!
DER SCHLANGENTRÄGER, WIE DER OPHIUCHUS AUCH GENANNT WIRD, BRINGT DEN TIERKREIS VÖLLIG DURCHEINANDER, JUNGFRAUEN SIND IN WAHRHEIT LÖWEN, LÖWEN KREBSE, KREBSE ZWILLINGE UND SOWEITER. UND AUCH DAS DREIZEHNTE STERNZEICHEN MUSS GANZ NEU DEFINIERT WERDEN...

Totaler Quatsch, Sternbilder entstehen nicht über Nacht, und den Schlangenträger gibt es schon seit ewigen Zeiten! Diese angebliche Sensation las sich zwar interessant, aber sie war falsch. Was für ein Blödsinn!
Daphne fühlte sich enttäuscht, sie hatte zwar nie richtig an Horoskope geglaubt, aber sie suchte dringend etwas, mit dem sie sich identifizieren konnte. Denn sie und eine Schütze-Frau? Nein danke, sie war weder idealistisch noch reisefreudig.
Trotzdem musste doch was dran sein an dem ganzen Mist mit den Horoskopen. Aber worauf stützte es sich? Und was war eigentlich der Unterschied zwischen Sternbildern und Sternzeichen? Denn sie trugen ja zumindest die gleichen Namen...

ZUR BLÜTEZEIT DER ANTIKEN ASTROLOGIE (CA. 2000 V.CHR.) WAREN DIE STERNZEICHEN – AUCH TIERKREIS GENANNT – MIT DEN ASTRONOMISCHEN STERNBILDERN IDENTISCH. JEDOCH HABEN DIESE SICH WEGEN DER PRÄZESSION DER ERDACHSE IM LAUFE DER JAHRTAUSENDE VERSCHOBEN. TROTZDEM ARBEITET DIE WESTLICHE ASTROLOGIE IMMER NOCH MIT DEM HIMMEL, WIE ER VOR CIRCA 2000 JAHREN ZU SEHEN WAR...

Daphne musste lachen. Das war irgendwie absurd! Genauso absurd wie ihre Beziehung zu Bernie...

Am Anfang fand sie es richtig nett mit ihm, aber es hielt nicht lange vor. Nach ungefähr zwei Wochen verlor sie die rosarote Brille des Verliebtseins und sah ihn mit objektiven Augen: Er war grässlich, er war eingebildet, er war hochmütig, er sah gar nicht gut aus, er quatschte zuviel, und er nervte sie ganz fürchterlich.
Bernhard hielt sich nämlich für den Besten, den Größten und den Intelligentesten unter der Sonne, andere Männer verachtete er. Mit Frauen kam er allerdings blendend zurecht. Daphne argwöhnte, dass er sich mit Frauen gut verstand, weil sie eben ‚nur’ Frauen waren und keine männlichen Konkurrenten. Dieser eingebildete Laffe!

Sie schnaubte unwillig vor sich hin und wandte sich wieder ihren Studien zu. ALLES IST VERSCHOBEN, das hatte sie im Kopf behalten. Sie fing daraufhin an, nach rein wissenschaftlichen Hinweisen Ausschau zu halten. Was konnte man wirklich vor zweitausend Jahren am Himmel sehen?
Sie fand nichts.
Doch urplötzlich kam ihr der Traum mit der Spinne in den Sinn, sie tippte als Suchbegriff „SPINNE“ ein, und oh Wunder, sie landete inmitten der Mythen der Griechischen Sagen, wurde schnell fündig und las etwas über eine gewisse ARACHNE. Seltsam, den Namen kannte sie doch...

ARACHNE, EINST EINE KUNSTVOLLE WEBERIN, LIEß SICH AUF EINEN WETTSTREIT MIT DER GÖTTLICHEN ATHENE EIN. UND WAS GESCHAH? ARACHNE WOB UND STICKTE SO PERFEKT, DASS DIE ATHENE SICH GESCHLAGEN GEBEN MUSSTE. ABER DA SIE EINE GÖTTIN WAR, KONNTE SIE NICHT ZULASSEN, VON EINER STERBLICHEN GESCHLAGEN WORDEN ZU SEIN. ALSO VERWANDELTE SIE DIE ARACHNE IN EINE SPINNE, MACHTE SIE UNSTERBLICH, UND DIE ARME ARACHNE MUSSTE BIS IN ALLE EWIGKEITEN WEITERWEBEN.

Wie macht man jemanden unsterblich? Klar, die griechischen Götter versetzten irgendwelche Typen an den Himmel und verschafften ihnen dadurch das ewige Leben.
Daphne seufzte auf, die Zeit mit Bernie kam ihr mittlerweile auch ewig lang vor. Wie sie ihn verabscheute! Sie musste ihn dringend loswerden, denn es war etwas geschehen...
Aber wo steckte die ARACHNE? Es gab kein Sternbild mit diesem Namen. Daphne suchte unverdrossen weiter und fand schließlich doch eins, es trug den Namen ARA...

VOR EIN PAAR TAUSEND JAHREN STAND DAS STERNBILD ARA MITTEN IN DER EKLIPTIK, UND ZWAR ZWISCHEN DEM SKORPION UND DEM SCHÜTZEN. DOCH JETZT KANN ES NICHT MEHR VON EUROPA AUS GESEHEN WERDEN...

Ist nicht wahr! Kann es wirklich sein? ARA ist die ARACHNE?
Also war der Schlangenträger erst im nachhinein in die Lücke gestoßen, die sich zwischen dem Skorpion und dem Schützen aufgetan hatte. Denn das Sternbild ARACHNE, später ARA genannt, war durch die Präzession der Erdachse nach Süden abgewandert, und es schien verdrängt worden zu sein in der Erinnerung der Menschen und vor allem der Astrologen. Irgendwann gab es nur noch die göttlichen ZWÖLF, und der Tierkreis war gefestigt.

Bernie war nicht da. Gott sei Dank! Sie trafen sich eh nur noch einmal in der Woche, und dann ließ Daphne ihn bei sich zu Hause, während sie mit einer Freundin ausging. Aber immerhin durfte er sie am nächsten Morgen pflegen, ihr den Kaffee ans Bett bringen und das Essen machen. Sonst durfte er nichts. Und beim nächsten Treffen würde sie einen Streit mit ihm provozieren und ihn dann hinauswerfen. Sie brauchte ihn nicht mehr.

Gut, sie hatte die ARACHNE wiederentdeckt, ein altes Sternzeichen, das es anscheinend schon ewig gab, aber was bedeutete das?
Sie suchte weiter, las alles mögliche – und fand dann eine spaßhafte Analyse des angeblichen Sternzeichens Schlangenträger, denn die Schlange verkörperte anscheinend alle schlechten Eigenschaften des Skorpions und des Schützen.
Als da beim Skorpion wären:
GERISSEN, SKRUPELLOS, MACHTGIERIG, MANIPULIEREND, TRIEBHAFT, MISSTRAUISCH, SARKASTISCH, UNDURCHSCHAUBAR, RACHSÜCHTIG, VERBISSEN...

Großartig! Beim Schützen fiel es Daphne schon schwerer, negative Eigenschaften festzustellen, aber:
MAßLOS, EGOISTISCH, GROßSPURIG, DOGMATISCH, BELEHREND, HOCHSTAPLERISCH, SCHEINHEILIG, ANGEBERISCH, REIZBAR, BESSERWISSERISCH....

Na also, auch der grandiose Schütze hatte seine Vorzüge. Skorpion und Schütze zusammen, DAS WAR SIE, die neue Spezies, und die Schlange war in Wirklichkeit eine Spinne. Wenn schon Astrologie, dann richtig! Ihr Frohlocken steigerte sich zu haltlosem Entzücken.

Sie machte einen herrlich ruhigen Abendspaziergang. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, und der Park war fast menschenleer. Allein zu sein, wie wunderbar! Kein Bernie, der besitzergreifend neben ihr herging, ihr die Ohren voll plapperte, ihr Komplimente machte und von seinem letzten Seitensprung erzählte, den er natürlich aus lauter Frust begangen hatte. Daphne war es natürlich egal, wenn er ‚fremdging’, das Blöde war nur, er kam immer wieder angekrochen und erzählte ihr dann, wie es mit der anderen Frau gewesen war, nämlich so, als ob er sein Ding in ein Waschbecken mit lauwarmen Wasser gehalten hätte. Aber sie fühlte sich schon lange nicht mehr geschmeichelt durch dieses Geschwätz. Der Kerl musste weg! Warum kapierte er das nicht! Nein, der war zu dämlich dafür! Oder, dieser Gedanke kam ihr unwillkürlich, er machte auf blöd, weil er nicht weg von ihr wollte. Dieser hinterhältige Kerl!
Doch jetzt war Schluss, sie konnte ihn nicht mehr gebrauchen, und sie würde ihn töten, falls er sich ihr jemals wieder näherte.
Was für ein absurder Gedanke. Aber er schien ihr nicht grausam zu sein, sondern notwendig und... praktisch.

Während sie darüber nachgrübelte, wie sie den allerletzten Streit mit Bernie inszenieren sollte, lief sie fast in ein Spinnennetz hinein.
Die große Kreuzspinne hing lässig in der Mitte ihres perfekten Netzes. Das Netz schaukelte im Abendwind, der braungesprenkelte Körper der Spinne war unförmig aufgetrieben und sah aus, als würde er bald platzen, aber das beeinträchtigte die Eleganz der Spinne nicht im mindesten.
Sie war schön... Und sie war anscheinend trächtig oder wie man das bei Spinnen so nennen würde.
Sie war genauso trächtig wie sie... Daphne legte beschützend die Hände auf ihren üppiger werdenden Bauch.
Plötzlich sah sie, wie eine kleinere Spinne am äußeren Rand des Netzes auftauchte und sich vorsichtig der Mitte näherte. Doch die große Spinne schien nicht in der Stimmung, den kleineren Eindringling freundlich zu empfangen, sie stürzte sich auf, biss ihn mit ihren Kieferzangen, umwickelte ihn mit Fäden und wob ihn schließlich in den Rand ihres Netzes ein.

Daphne lächelte. „Hallo Schwester“, sagte sie und trat noch näher an das Netz heran.
ENDE

Samstag, 22. August 2009

Watermelone Man...

oder wie ich lernte, die Melone zu hassen

Dieser elende Ohrwurm, ich krieg' ihn einfach nicht aus meinem Kopf! Und das Bild der riesigen Melone auch nicht. Dabei fing alles ganz harmlos an:

„Ich fahr' für eine Woche nach Holland“, teilte meine Schwester mir mit – sie wohnt im gleichen Haus wie ich. Und als Abschiedsgeschenk von ihr fand ich am nächsten Tag eine riesige Melone vor meiner Türe, mit einem Zettel darauf: „Lasst sie euch gut schmecken!“
Wie nett von ihr, und Wahnsinn, so eine riesige Melone hatte ich noch nie gesehen – sie war einfach überwältigend! Nur wo unterbringen? Den Kühlschrank samt Zwischenböden ausräumen? Auch dann hätte sie nicht hineingepasst. Also in die kühle Waschküche, ja wirklich, wir nennen eine altmodische Waschküche unser eigen, okay, es ist eher eine modrige feuchte Gruft... Ich nahm also die Sackkarre und hievte die Melone in die Gruft... äääh Waschküche, um sie etwas zu kühlen. Die Melone natürlich und nicht die Waschküche.
Der Transport schien mich zu beschwingen, denn schon in der Waschküche hörte ich diese Melodie im Kopf. Ein Stück von Herbie Hancock war es, nämlich 'Watermelone Man'... Ich musste lachen, früher hatte ich immer gedacht, es hieße 'WHAT A MELLOW MAN'... Aber 'Watermelone Man' passte viel besser!
Nach zwei Tagen wagte ich es, die Melone anzuschneiden. Ich brauchte dazu eine Axt, denn kein normales Messer hätte sie durchtrennen können. Ich metzelte also ein Viertel davon ab, schleppte es nach oben und präsentierte es meinem Mann. „Wow“, sagte der schwer beeindruckt. Gut, wir aßen den ganzen Abend lang Melone, dann schnitt Bobo den Rest in appetitliche Stücke, die ich in meiner größten Tupperschüssel unterbrachte. Der Kühlschrank war voll. Und am nächsten Tag nahm ich die Tupperschüssel mit ins Büro – das war nicht sehr angenehm, weil ich bei der Fahrt dorthin zwei Sitzplätze belegen musste... Aber die Sache war es wert, denn meine Kollegen konnten sich endlich einmal richtig satt essen.
Leider war immer noch was vom ersten Viertel übrig. Die Kollegen verspürten keinen Hunger mehr auf Melone, meine Freunde winkten ab... Was blieb mir also übrig? Kurzentschlossen verteilte ich die Melonenstücke in der hintersten Ecke des Gartens auf einem Stück Brachland, wo eh nix wuchs. Aber vielleicht würde ja die gewaltige Düngung durch die Melone einen Wachstumsschub bewirken.

Und immer noch hörte ich es im Geiste: 'Watermelone Man'... Aber es klang mittlerweile ein wenig lästig.

Zwei Tage später nahmen wir das zweite Viertel in Angriff. Irgendwie war uns ein bisschen die Lust auf Melone vergangen, und wir pickten uns nur die süßen Innenstücke heraus, den Rest warf ich unauffällig beim Spazierengehen in die Gegend. Ich brauchte zehn Spaziergänge dazu, und mich zwackte dabei ein ziemlich schlechtes Gewissen. Man wirft doch keine Lebensmittel weg, das hat mir meine Schwiegermutter eingebläut. Klar doch, die isst alles, auch wenn es schon halb vergammelt ist. Aber ICH NICHT!

Gut, die Hälfte war gegessen, beziehungsweise entsorgt. Ich wuchtete die übrig gebliebene Hälfte der Melone von der Waschküche auf meine Terrasse. Meine Schwester würde nämlich bald wieder da sein, und in der Waschküche hätte sie die verflixte Melone sehen können.
Ich versteckte sie auf der Terrasse unter alten Zeitungen. Sie sah in ihrem Müllbeutel immer noch prächtig aus, ihr zartrotes Fruchtfleisch wirkte immer noch sehr, na ja zartrot...
Ab und zu beim Abstauben schaute ich sie vorsichtig an. Und sie schaute vorwurfsvoll zurück. „Warum isst du mich nicht?“, schien sie zu fragen, jedenfalls bildete ich mir das ein. Und in meinem Kopf ertönte unangenehm das Stück 'Watermelone Man'.
Was sollte ich nur tun? Wegschmeißen konnte ich sie nicht, die Mülltonne wäre unter ihrem Gewicht glatt zusammengebrochen, und Garten und Gegend waren ja auch schon melonengesättigt. Also wartete ich... Aber auf was? Meine Schwester war mittlerweile wieder zu Hause, doch seltsamerweise fragte sie nicht, ob die Melone mir gemundet hätte.
Wirklich seltsam... Und dann kam’s mir. Ich erinnerte ich mich daran, dass ich die Melone schon bei ihr gesehen hatte, die musste uralt sein, älter als Methusalem. Klar doch, Schwesterherz hatte mich reingelegt, sie schmeißt nämlich auch nicht gerne was weg.
Das verdammte Stück 'Watermelone Man' dröhnte in meinem Kopf...

Ich verdrängte die Melone aus meinen Gedanken, nur durch Zufall warf ich ihr heute Morgen einen verlegenen Blick zu, und was soll ich sagen: Sie war im Begriff, sich aufzulösen. Das Fruchtfleisch fing an zu wässern und vergammelte anscheinend. Das war die Gelegenheit! Ich ergriff todesmutig den triefenden Riesenabfallbeutel, schleppte ihn vorsichtig ins Badezimmer und hielt ihn über die Kloschüssel. Dort wrang ich den Beutel regelrecht aus, während ich mir die Nase zuhielt, denn das Zeug stank wie die Pest. Nachdem der Saft ins Klo abgegangen war, konnte ich den Rest endlich in die Mülltonne entsorgen.

Triumphierend erklang die Melodie, aber ich hatte den Text ein wenig abgewandelt, nämlich zu seiner ursprünglichen Form, nämlich: 'WHAT A MELLOW MAN'. Das passte viel besser!

Als ich von der Mülltonne ins Haus zurückkehrte, traf ich meine Schwester. Gut gelaunt sagte sie zu mir: „Du magst doch Wassermelonen, Schatzi! Ich hab’ da noch eine liegen, und da ich morgen in Urlaub fahre...“
ENDE

PS: Danke Herbie Hancock!
PS: Danke Schwesterchen, ich muss oft an dich denken, eigentlich immer, du warst der beste Teil von mir. Und als ich das geschrieben habe, da warst du noch so lebendig, und ich möchte dich lebendig erhalten!

Freitag, 19. Dezember 2008

Der Hügel

Man konnte den Hügel schon von weitem sehen, er erhob sich kurz hinter dem Ortsschild, und zwar auf der linken Seite. Er musste künstlichen Ursprungs sein, denn es gab in der Umgebung keine vergleichbaren Erhebungen.
Immer wenn sie in die kleine Stadt kam, schaute sie zu dem Hügel empor. Hoch oben sah man einen Zaun, der wohl eine Art Plattform umschloss.
„Was ist da oben?“, fragte sie neugierig. „Das hausen wirklich arme Leute“, sagte die Großmutter, und ihre Stimme klang ein wenig herablassend. „Es sind Zugereiste.“ Die Großmutter arbeitete zwar als Tagelöhnerin bei einem Bauern, aber ihre Vorfahren lebten schon seit Generationen im Dorf.
Trotz oder gerade wegen dieser spärlichen Auskünfte wurde sie immer neugieriger auf das, was auf dem Hügel war. Und sie hatte Glück, eine ihrer Sommerfreundinnen, wie sie die Mädchen im Dorf nannte, kannte die Leute, die dort lebten.
An einem leicht nebeligen Tag fuhr sie mit dieser Freundin in die kleine Stadt. Sie versteckten ihre Fahrräder im Gebüsch, und ihre Freundin ging zielsicher mit ihr zur Rückseite des Hügels. Der versteckte Pfad endete an einer rostigen Pforte, und ab da konnten sie die mit üppigem Wildkraut überwachsenen Stufen hochklettern, die in den Hügel eingelassen waren und wie eine steile gewundene Treppe nach oben führten.

Oben wehte ein milder, kaum wahrnehmbarer Wind, und die Sonne strahlte an einem tiefblauen Himmel. Die Luft atmete sich anders als unten, sie schmeckte würziger und reiner.
Die Plattform war nicht sehr groß. Hier kann man bestimmt nicht gut Federball spielen, der Ball würde ja dauernd hinunterfallen, dachte sie automatisch.
Eine niedrige Baracke kauerte in der Mitte der Plattform – es sah aus, als wollte sie sich am Boden festhalten – und davor stand im Gras ein alter grüner Metalltisch, umgeben von Holzstühlen. Und da saßen sie, und sie lächelten, als ob sie auf ihren Besuch gewartet hätten.
Karl und Maria, so hießen die beiden Leutchen, kamen ihr sehr alt vor. Sie waren bestimmt noch älter als die Großmutter, und sie sprachen anders als die Einheimischen. Aber sie waren furchtbar nett, und vor allem liebten sie sich, das konnte man deutlich sehen. Sie waren eingehüllt von ihrer Liebe, eine Art glänzender Nebel schien sie zu umgeben, und es war wunderschön anzusehen, wie zärtlich sie miteinander umgingen, trotz ihres hohen Alters. So etwas kannte sie von zu Hause nicht, ihre Eltern stritten sich meistens, und auch die Großmutter kam ihr manchmal wie eine harte verbitterte Frau vor. Aber dieser Ort strahlte Liebe und Zuneigung aus. Und dabei war es doch nur ein Hügel, gebaut aus Schutt und Erde.
Auch einen kleinen struppigen Hund gab es – und eine getigerte Katze. Die beiden verstanden sich prächtig, und die Katze war natürlich der Chef. Sie überließ ihrem Kumpel großzügig die Auseinandersetzungen mit den zwei weißen Ziegen, die auch auf dem Hügel lebten, aber diese Streitereien verliefen immer harmlos. Manchmal jagte der Hund die Ziegen fast bis an den Rand der Plattform, aber dann hielt er inne, als wüsste er, wie gefährlich das war. Und im Gegenzug stürmten die Ziegen auf ihn los, bis er jaulend wegrannte und Schutz unter dem Gartentisch suchte. Die Katze saß währenddessen in den Ästen des kleinen Apfelbaums und beobachtete die Sache interessiert.
Sie verbrachten viele Nachmittage auf dem Hügel, und Karl und Maria hießen sie immer herzlich willkommen. Sie bekamen zu essen und zu trinken. Es handelte sich zwar um bescheidene Mahlzeiten, Malzkaffee, ein wenig Brot, Ziegenbutter, aromatische Kräuter und als Nachtisch einen der Äpfel vom Apfelbaum, aber all das mundete ihnen fantastisch in der dünnen würzigen Luft, die keinerlei Geräusche von unten durchließ. Es war, als lebte man auf einer anderen Welt. Und obwohl diese Welt so winzig war – sie maß höchstens einhundertfünfzig Quadratmeter – gab es dort immer etwas zu entdecken, seltsam schöne Blumen und prächtige bunte Schmetterlinge.
Manchmal lagen sie auf einer Decke im Gras und stöberten in den alten Büchern, die Karl gehörten. Es waren seltsame Bücher, und die Fotos darin zeigten hohe tiefblaue Bäume vor lindgrünen Hügeln und einem rosenfarbenen Himmel. Karl sah ihnen jedes Mal traurig zu, wenn sie die Bilder betrachteten. Aber Maria lächelte, sie strich Karl über die Wange, als wollte sie ihn trösten und sagte zu ihm: „Alles vergeht, und alles bleibt.“
Sie mochte ja Recht haben, aber der Sommer blieb nicht, sondern verging immer viel zu schnell, und dann musste sie zurück in die Großstadt.
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An Weihnachten verbrachte sie die Ferien bei ihrer Großmutter. Irgendwann konnte sie sich von der Familienfeier loseisen, und sie fuhr mit dem Fahrrad los. Es lag kein Schnee, und es hatte den ganzen Tag über leicht genieselt. Der Regen war nicht so gütig wie Schnee, er verhüllte nichts und ließ alles trostlos und nackt aussehen.
Kurz hinter dem Ortsschild der kleinen Stadt erhob sich wie immer der Hügel geheimnisvoll und respekteinflößend. Aber anscheinend wirkte er nur auf sie so, denn die anderen Leute schauten nicht einmal hoch zu ihm. Sie hatten sich wohl an ihn gewöhnt. Aber sie würde sich nie an diesen Anblick gewöhnen, und sie war überaus gespannt darauf, wie es dort im Winter war.
Tatsächlich lag oben Schnee. Welch ein Wunder! Und der Schnee strahlte in einem blendenden bläulichen Weiß, wie sie es noch nie gesehen hatte. Das gab es in der Großstadt nicht, dort verlor der Schnee schon nach ein paar Stunden seine herrliche Unberührtheit – bezwungen von Streusalz und Gesetzen – und verwandelte sich in dreckigen Matsch.
„Da bist du ja. Maria hat schon auf dich gewartet. Und ich natürlich auch.“ Karl hielt ihr die Tür auf, und sie wunderte sich überhaupt nicht über seine Worte.
Es gab nur einen Raum in dieser Hütte, es gab nur Kerzenlicht, und die Wärme kam von dem Kaminofen in der Ecke. Brennendes Holz knisterte und versprühte Funken. Auf einem Sims über dem Ofen lag die Katze und schlief. Und vor dem Ofen lag der Hund und schlief auch, während seine Pfoten im Schlaf zuckten und er ab und zu tief aufschnaufte.
„Der Sommer ist schön“, erzählte Maria. Sie sah älter aus als vor ein paar Monaten. „Aber wir sind auch im Winter zufrieden.“ Sie stellte Kekse auf den alten grünen Metalltisch – im Sommer hatte er draußen vor der Baracke gestanden, sie besaßen wohl nur diesen einen Tisch, und auch die Stühle hatten sie hereingeholt. Aber trotz der kargen Möbel war es behaglich, und sie schwiegen eine Weile, während die Minuten oder Stunden einschläfernd vor sich hin tickten wie eine alte mechanische Wanduhr.
Karl erzählte von der Zeit, als er noch jung war. Manches verstand sie, vieles blieb unverständlich, genauso unverständlich wie die Bilder in seinen Büchern, aber trotzdem liebte sie es, ihm zuzuhören.
Bis Maria schließlich sagte: „Wir sollten jetzt die Ziegen füttern. Nimm ein paar Kekse mit.“
Sie sah, dass Hund und Katze aufgewacht waren. Sie reckten bedächtig ihre verschlafenen Glieder und kamen ihnen dann nach.
Hinter der Baracke befand sich ein Holzverschlag, er war an einer Seite offen – nur notdürftig abgedeckt mit einer Matte aus Filz.
Es ist bestimmt eisig kalt darin, denn die Sterne wärmen nicht sehr, dachte sie besorgt.
Aber es war nicht eisig kalt darin. Die beiden Ziegen ruhten auf einer dicken Lage Stroh, ihr Fell sah lang und puschelig aus, und sie machten nicht den Eindruck, als würden sie frieren.
„Gib ihnen ein paar Kekse“, sagte Maria. Sie selber hatte ein wenig trockenes Brot mitgebracht und hielt es den Ziegen hin. Die Ziegen fraßen bedächtig, sie bewegten ihre Unterkiefer langsam mahlend, egal ob sie jetzt Brot oder Kekse fraßen. Und sie streichelte die langen flachen Nasen der Ziegen und spürte das Leben unter ihrem dichten Fell.
Karl begann, auf einer Art Flöte zu spielen. Es war aber keine richtige Flöte, obwohl die Töne wunderschön klangen. Das fanden die Ziegen wohl auch, sie drängten sich zu Karl hin, sie schienen der Musik zu lauschen, und es sah aus, als ob sie auf etwas warteten. Der Hund und die Katze lehnten sich an Maria, sie beugte sich herab und streichelte die beiden.
Und alle schauten zum Himmel empor, wo ein besonders großer Stern funkelte. Es sah aus, als hätte er einen kleinen Schweif. Und auf einmal überkam sie der seltsame Gedanke, dass Karl versuchte, eine Verbindung mit ihm herzustellen, als versuchte er, diesen Stern zu erreichen...
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Als sie älter wurde und nicht mehr die Ferien im Dorf verbrachte, verwischten sich die Erinnerungen an den Hügel. Und manchmal kam es ihr vor, als hätte sie alles nur geträumt. Warum sollten da oben Leute leben, warum sollten sie sich der Mühe unterziehen, Lebensmittel, Holz, Tierfutter und vielleicht sogar Katzenstreu den Hügel hochzuschaffen. Es gab nur ein Loch von einem Klo, und Strom gab es wohl auch nicht. Jedenfalls kam ihr alles im nachhinein sehr unwirklich vor. Auch den großen funkelnden Stern mit dem Schweif hatte sie sich bestimmt nur eingebildet. Oder war in diesem Jahr ein Komet an der Erde vorbeigezogen? Sie schaute vorsichtshalber in ihrem Astronomiebuch nach, aber sie fand nichts. Jedenfalls war der Hügel seltsam. Einmal dachte sie sogar, er wäre ein Monolith – ein Steinbrocken wie Ayers Rock – der vielleicht vom Himmel gefallen war. Kam der Hügel von einer anderen Welt? Sie erinnerte sich an die fremden Blumen und Schmetterlinge. Waren Karl und Maria Außerirdische, die wie ET ihr Raumschiff verpasst hatten? Und vielleicht kam jedes Jahr zu Weihnachten das Mutterschiff vorbei und suchte nach den Schiffbrüchigen, aber die konnten keine Signale mehr senden. Oder die beiden gehörten einer Sekte an, die sich der Armut und der Liebe verschrieben hatte.
Alle diese Überlegungen waren ziemlich konfus, wurden immer seltener, und im Laufe der Jahre vergaß sie den Hügel.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Nach langer Zeit ist sie wieder im Dorf, wieder einmal zur Weihnachtszeit. Und sie steht gerade vor einer großen Entscheidung. Es ist eine Entscheidung zwischen Egoismus und Liebe.
LIEBE... Und auf einmal kommt ihr der Hügel in den Sinn. Warum soll sie es nicht versuchen?
Tatsächlich gibt es ihn noch, den Hügel, er erhebt sich kurz hinter dem Ortsschild, und zwar auf der linken Seite. Der Weg ist auch noch da, und sie steigt ihn hoch.
Aber oben angekommen ist sie enttäuscht. Es gibt keine Baracke mehr, aus der sanfter Kerzenschein dringt, da ist nur noch ein Geröllhaufen. Und es gibt auch keinen Holzverschlag mehr, in dem weiße Ziegen liegen. Kein Hund, keine Katze. Sie steht in den Trümmern und fühlt sich enttäuscht und leer.
Aber dann auf einmal hört sie den Klang der Flöte, und alles ist wieder da, Karl und Maria, der Hund und die Katze, sogar die Kekse kann sie riechen und die Wärme des Ofens spüren. Natürlich ist das nur Einbildung, aber vielleicht ist es wirklicher als die wirkliche Welt.
„Alles vergeht, und alles bleibt.“ Sie hört Marias Stimme.
Sie geht aus der Wärme hinaus, draußen liegt blendend weißer Schnee, und ein besonders großer Stern mit einem Schweif funkelt am tiefschwarzen Himmel. Karl und Maria winken ihr von dort zu.
Sie lächelt und winkt zurück.
Dann macht sie sich auf den Heimweg, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Sie hat sich gefunden, und sie weiß nun, was sie tun wird.


AVAAZ.org-Die Welt in Aktion Wasser… Noch ein geheimes Abkommen: TISA stoppen!

Kleinigkeiten
ZEICHNENSTUNDE... ;-)


K.O.M.M.E.N.T.A.R.E

Verzapftes:

die Lust am Untergang
endlich l e s e ich wieder was von dir, dass es gerade...
angelface (Gast) - 3. Jul, 07:38
Wie sagte schon Kant.
dass nur der freie Wille ein guter Wille sein kann. Ja...
Iggy - 7. Jun, 16:58
Diese Reize erwarten...
Diese Reize erwarten uns überall. Ich muss mich...
Moonbrother - 31. Mai, 02:22
Von wegen der 76 ...
Einfach mal umdrehen, datt is auch schon ätzend....
Iggy - 14. Feb, 17:22
dieses "Märchen"
Des Kaisers neue Worte... das hat was!! Habs gleich...
herbstfrau - 11. Feb, 19:48
drei Eisbären im...
waren's dann wohl. Weiße Schrift auf weißem...
iggy (Gast) - 9. Feb, 16:51
bitte mal reingucken..
bei mir. Iggy sagt- sie sieht keine Schrift bei mir...
herbstfrau - 9. Feb, 15:11
nee jetzt
76?? wenns kein Witz war, dann freut`s mich irgendwie. "header...
herbstfrau - 6. Feb, 12:02

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Ausschnitt aus LOVE GAMES

Blau-weiß-rot...
Der Kleine trägt ein blau-weiß-rot gestreiftes Hemd, und das Muster kommt mir seltsam bekannt vor. Ich hatte mal ein Kleid, das war genauso gestreift wie dieses Hemd, und da war ich ungefähr genauso alt wie dieser Junge.
Blau-weiß-rot...
Es war in meinem Heimatdorf. Ich war in den Ferien mit meinen Eltern dort. Es wurde gerade Schützenfest gefeiert, und ich saß ausnahmsweise nicht auf einem dieser hin und her schwingenden weißen Karussellpferdchen, sondern in der sogenannten Kaffeemühle, einem runden Ding, bei dem sich in der Mitte eine Stange befand, und damit konnte man die Kaffeemühle zum Drehen bringen.
Raatttsch!!! Mein Kleid hatte sich irgendwo verfangen, es gab ein hässliches Geräusch, als etwas riss, und ich war zu Tode erschrocken. Meine Mutter würde mich umbringen.
Vorsichtig schaute ich an mir herunter, ich hatte Glück gehabt, nicht der Stoff selber war zerrissen, sondern nur eine Naht war aufgeplatzt auf circa fünfzehn Zentimetern Länge.
Sie würde mich trotzdem umbringen. Was sollte ich tun?
Ich schlich mich heimlich zum Haus meiner Oma, die nicht mit zum Schützenfest gegangen war. Ich suchte nach Nähzeug, wurde fündig in einem alten Nähkästchen, schloss mich im Klo ein, zog mein Kleid aus und nähte es. Ich nähte die aufgeplatzte Naht wahrscheinlich ziemlich plump und stümperhaft, aber ich nähte sie so, dass niemand etwas merkte. Sogar meine Mutter, deren scharfe Augen ich fürchtete, entdeckte nicht, dass ich sie reingelegt hatte. Irgendwann beim Waschen des Kleides sagte meine Tante zu meiner Mutter, dass die Sachen heutzutage sehr schlecht genäht wären, aber meine Mutter brachte das nicht mit mir in Zusammenhang. Ich hatte Glück gehabt...
Blau-weiß-rot...
Wieso habe ich gerade diese Szene im Sinn, als ich meine Mutter reingelegt hatte und nicht die vielen anderen, wo ich sie nicht reinlegen konnte?

TOPP, die WETTE... mutiert allmählich zum Roman.
Ausschnitt aus TOPP, wie es begann 3:

Chris auf IBIZA...
Die Mädels lächelten ihn an, und er lächelte zurück. Bis jetzt hatte er sich nicht groß um die anderen Urlauber gekümmert, er wollte einfach nur allein sein. Er wusste nicht warum, aber er konnte sich zur Zeit nicht auf andere Menschen konzentrieren. Und das nur, weil ihm diese Irma im Kopf herumspukte.
Aber damit war jetzt Schluss! Endgültig! Die Mädels machten nämlich einen viel versprechenden Eindruck. Vielleicht mal einen flotten Dreier versuchen? Sie sahen zwar nicht interessant aus – das war ihm im Moment sowieso egal – aber sie waren wirklich hübsch, die eine blond und vollbusig, die andere schlank, dunkelhaarig und nicht so üppg wie ihre blonde Freundin. Irgendwie hatte die Dunkelhaarige ein bisschen Ähnlichkeit mit Irma.
Oh nein, NICHT SCHON WIEDER DIE! Es reichte!
Chris riss sich zusammen. Sein Lächeln wurde automatisch eine Spur freundlicher, er beugte sich zum Nachbartisch herüber und sagte in dem gewinnenden Tonfall, den er perfekt beherrschte: „Na Mädels, habt ihr Lust, gleich was mit mir zu unternehmen?“
Die Mädels gackerten ein bisschen und zierten sich nach Weiberart, aber natürlich waren sie einverstanden. Wäre ja noch schöner, wenn seine Masche nicht mehr ziehen würde. Bis jetzt hatte er noch jede Frau gekriegt, die er haben wollte, wenn auch auf Umwegen wie bei der verdammten Irma.
Eine halbe Stunde später verließ Chris mit seinen Eroberungen das Strandcafé. Eine wirklich tolle Nacht stand ihm bevor. Er lächelte siegesbewusst und ein bisschen hämisch in sich hinein und dachte: Das hast du jetzt davon, Irma, du blödes sprödes Weib! Ich werde mich heute mal richtig amüsieren, und danach bist du Legende!

Alle Irma-Chris-Stories sind übrigens H I E R

Holidays in Kampodia

ALLES FERTIG!
KAPITEL X - Ausschnitt:
Glaubsalz Version 17* abgekürzt auch GS17 genannt, ist eine neue revolutionäre Substanz, die es ermöglicht, Menschen auch gegen ihre ursprüngliche Meinung dauerhaft von einem anderen Glauben zu überzeugen.
Im Augenblick besitzt das GS17 noch eine Halbwertszeit von vier Jahren. Das bedeutet, dass sich nach vier Jahren die Hälfte des GS17 zersetzt hat und die verbliebene Hälfte nur noch eingeschränkt auf den Probanden einwirkt. Man arbeitet aber an einer gesteuerten Halbwertszeit des GS17.
Gedanken darüber, wie man eine breitere Öffentlichkeit mit dem GS17 erreichen kann, werden zur Zeit erörtert und diskutiert von einem wissenschaftlichen Expertenteam. Man denkt zum Beispiel an die Verbreitung des GS17 im Trinkwasser, um danach durch gezielte unterschwellige Werbung im TV die bestmöglichste und effektivste Wirkung zu erreichen.
Anwendungsbereiche: Im politischen, geschäftlichen, sowie auch im privaten Bereich.
Nebenwirkungen: Keine
Nachteile: Gewisse Kältegrade können die komplizierte molekulare Struktur des GS17 zerstören. Diese Gefahr kann aber vernachlässigt werden, weil die Überlebenschancen gering sind (eintretender Tod oder Fehlfunktion = 80%).
Fazit: GS17 wird kontinuierlich weiterentwickelt, zumal ein großer Bedarf danach besteht (Beispiel: Präsidentschafts- oder sonstige politische Wahlen)
Ein weiterer Bedarf besteht auch bei den großen Kirchen in diesen Zeiten der schwindenden Gläubigen. Der Vatikan hat schon großes Interesse signalisiert.
Unsere Geschäftspolitik ist erfolgreich, und unsere Devise hat sich bestätigt: Nur wer‘s glaubt, ist selig...
*Es besteht keine Ähnlichkeit mit dem harmlosen Abführmittel Glaubersalz.
(Auszug aus einem hochgeheimen Bulletin der FIRMA)

Fortsetzung folgt, aber nicht mehr in diesem Theater, sondern dort:
Was geschah und geschehen wird und fertig ist...

Recent Visitors... ist leider übern Jordan gegangen. Schade drum, es war schön zu sehen, wie die Welt bei mir vorbei schaute...